Bis Sonntag waren es nur noch wenige Tage, so dachte er. Aber wenige Tage
konnten sich ganz schön in die Länge ziehen. Gut, dass sein Freund jetzt bei
ihm eingezogen war. Sie gaben die perfekte Männer-WG ab. Sein Freund konnte
verdammt gut kochen. Er war somit gut versorgt und musste nicht mehr nur von
Whisky leben. Gut, eine Tiefkühlpizza konnte er auch noch in die Mikrowelle
schieben. Doch meistens ging er unten in die kleine Kneipe. Dort gab es immer
gute Hausmannskost.
Um sich die Zeit bis Sonntag zu verkürzen begab er sich wieder an seinen
Laptop und öffnete die Datei: DIE FRAU IM ROTEN MANTEL. Er hatte ja bis jetzt
nur eine Überschrift. Es war auch gar nicht so einfach einen passenden Anfang
zu finden. Sein Freund schaute ihm über die Schulter und meinte nur: „Wow.
Toller Titel.“ Er: „Mach Dich nur lustig. Du wirst sehen, eines Tages wird mein
Buch ein Bestseller.“ Der Andere: „Vielleicht, aber dazu musst Du erst einmal
anfangen.“ Lachte und ließ ihn allein. War auch besser so. Ohne ihn konnte er
sich besser konzentrieren.
Doch seine Gedanken schweiften immer wieder ab. Vor seinem geistigen Auge
sah er sie die Treppe herunterschreiten. Den roten Mantel eng um sich geschlungen.
Mit ihren Armen hielt sie ihn regelrecht gefangen, als hätte sie Angst ihn zu
verlieren. Ihr Blick war betörend. Er sah in diese schwarzen Augen und versank
fast darin. Ihre roten Lippen formte sie zu einem Schmollmund à la Marilyn
Monroe. Er versuchte das Bild zu verwischen, um sich wieder seinem Dokument zu
widmen. Dies gelang ihm nur schwer; sehr schwer.
Im Laufe des Nachmittags klingelte es. Das ist sie, schoss es ihm durch den
Kopf! Er rannte förmlich zur Tür und öffnete dieselbe. Doch es war nicht sie.
Vor der Tür stand ein etwas älterer Herr leicht ergraut mit Brille und einem
dunklen Anzug. In der linken Hand trug er eine schwarze lederne Aktentasche. Er
lüftete gerade den Hut und stellte sich vor: „Gestatten mein Name ist … ich
komme von der Kanzlei … . Bitte entschuldigen sie die Störung. Kennen sie
vielleicht diese Dame?“ und hielt ihm ein Foto hin. Er erschrak. Das war sie.
„Sie soll seit geraumer Zeit hier im Haus – oder in der näheren Umgebung
wohnen. Ist sie Ihnen vielleicht schon einmal begegnet.“ redete der ältere Herr
weiter. Er hatte sich wieder gefangen und erwiderte: „Nein, leider nicht. So
eine hübsche Person wäre mir sicherlich aufgefallen“. Er sah sich das Foto sehr
intensiv an. Sie wirkte anders. Nicht so verführerisch, eher normal. So, wie
sich wohl jeder Mensch fotografieren lässt. „Tut mir leid, ich kann Ihnen
leider nicht weiter helfen“. Er gab dem Herrn das Bild zurück. Mittlerweile war
sein Freund erschienen, sah das Foto und wollte gerade ansetzen etwas zu sagen,
als er ihm schnell das Wort abschnitt. „Warum suchen sie diese Frau? Hat sie
etwas ausgefressen?“ „Das kann ich Ihnen nicht sagen“ sprach der grauhaarige
ältere Herr „Sie verstehen, Schweigepflicht. Ich bin Rechtsanwalt“. Er lüftete
abermals seinen Hut, nickte und wandte sich zum Gehen. Dann drehte er sich aber
noch einmal um. Er reichte ihm seine Visitenkarte und sagte: “Bitte informieren
sie mich, sollten Sie der Dame doch einmal begegnen!“ Dann ging er.
„Was war denn das?“ sein Freund war sichtlich verwirrt. Langsam schloss er
die Tür. Auch ihn hatte diese Begegnung durcheinander gebracht. Langsam ging er
zurück ins Wohnzimmer. Jetzt brauchte er unbedingt einen Scotch. Er goss zwei
Gläser ein und gab das eine seinem Freund. „Danke, das kann ich jetzt auch gut
gebrauchen“. Wer ist diese Frau? Wieder fing er an zu grübeln. Es wurde um sie
als mysteriöser. Dann sagte er zu seinem Freund: „Warum sucht ein Rechtsanwalt
eine Person? Hat sie vielleicht geerbt? Ist sie vielleicht aus einer Klinik
geflohen? Ist sie vielleicht doch eine russische Spionin? Wird sie sogar vom
Geheimdienst gesucht? Wer ist sie und was ist sie? Kannst Du mir das vielleicht
sagen?“ „Ich? Nein, Gott bewahre. Aber seltsam ist es schon. Sehr seltsam!“
Sein Freund hatte das Glas in einem Zug geleert und goss sich einen zweiten
Scotch ein. Er dagegen nippte eher an seinem Glas. Viel zu viel ging ihm momentan
durch den Kopf. Fragen über Fragen. Er musste dem Geheimnis auf den Grund
gehen, sonst würde er verrückt werden.
***
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