Das warme Wasser tat ihm gut. Es war wie ein
warmer Sommerregen. Er legte den Kopf in den Nacken und ließ das Wasser über
sein Gesicht rieseln. Dies vertrieb vielleicht die dumpfen Gedanken in seinem
Kopf. Er stand noch eine Weile so dar, bevor er den Hahn zudrehte. Er stieg
schnell in den Bademantel und ging in die Küche. Er hatte immer noch nichts
gegessen. Er wollte sich ein paar Eier in die Pfanne hauen. Aber es waren keine
Eier mehr da. Die Eier hatte sie. Er schaute an die Decke. Wozu brauchte sie
ausgerechnet zwei Eier? Diese Frage machte ihn schier konfus. Na dann nicht,
dachte er und zog sich an.
Er wohnte in einem alten Jugendstilhaus. Sehr
gepflegt und mit einem wunderschönen schmiedeeisernen Aufzug. Im Parterre
befand sich eine Kneipe. Hier wurde der Gemütlichkeitsfaktor groß geschrieben.
Er ging öfters hierher. Mal auf ein Bier, einige gute Gespräche und – so wie
heute – zum Essen. Es gab einige kleine Gerichte. Dazu immer einige
aufmunternde Worte.
Er setzte sich an den Tresen. Der Wirt nickte
ihm zu: „Wie immer?“ Er nickte nur kurz. Das Bier stand schnell vor ihm. Er
lechzte völlig danach. Mit einem Zug leerte er das Glas und bestellte das
nächste. „Hast Du noch etwas zu essen für mich?“ fragte er den Wirt. „Na klar.
Schnitzel mit Bratkartoffeln?“ Er nickte wieder. Er trank das nächste Bier.
Dann noch eins und noch eins. Dann bekam er sein Gericht. Er war wie
ausgehungert. Seit heute Morgen war er nicht zum Essen gekommen. Als er fertig
war bestellte er noch ein Bier.
Dan fragte er den Wirt: „Du kennst doch alle
hier im Haus?“ „Hmm“ sagte der nur. „Hast Du schon einmal die neue Bewohnerin
aus dem zweiten Stock gesehen? So eine rassige dunkelhaarige mit wunderschönen
langen Haaren und Augen zum dahinschmelzen! Sie trägt immer einen roten
Mantel.“ „Nein“ sagte der Wirt „eine Frau im roten Mantel habe ich noch nicht
gesehen. Aber eine rassige schwarzhaarige schon!“ Er sah den Wirt verwundert
an. Der Wirt aber sprach weiter: „Sie kommt öfters abends zum Essen hierher.
Danach trinkt sie ein oder zwei Wodka und geht wieder. Aber die trägt keinen
roten Mantel. Einen Hosenanzug in schwarz, eher militärisch. Sie spricht nur
russisch.“ Er lacht und zwinkert mit dem linken Auge: „Scheint eine russische
Spionin zu sein!“
Er muss sehr verwundert geschaut haben. „Sie
spricht russisch?“ Das musste eine andere Frau sein. Doch alles, was der Wirt
erzählte, ließ auf die geheimnisvolle Schöne schließen. Er erzählte dem Wirt
alles was er die letzten Tage erlebt hatte. „Die scheint Dich ja ganz schön
durcheinander gebracht zu haben“ bemerkte der Wirt nur. Er stellte ihm einen
Wodka hin. „Geht aufs Haus!“ Hastig trank er den Wodka. Er bezahlte und ging
wieder nach oben.
Eine russische Spionin dachte er nur. Für ihn sah
sie eher aus wie ein Model. Vielleicht
auch eine Schauspielerin. Oder gar eine Prostituierte? Er mochte diesen
Gedankengang nicht weiter verfolgen. Aber ihre kleine rote Krokolederhandtasche
ließ auf gewisse Dinge schließen.
Bevor er seine Wohnungstür aufschloss sah er die
Treppe hinauf. Was sie jetzt da oben tun würde? Die Neugier ließ ihn nicht
ruhen. Er war bereit hinauf zu gehen. Tat es aber dann doch nicht. Er musste
seine Neugier zügeln. Er würde sie am Sonntag auf ein Picknick einladen. Ja,
das war eine sehr gute Idee. Sie würden zum kleinen See im Stadtpark gehen. Der
war ganz in der Nähe und er hatte sie dort ja auch schon gesehen.
Er schloss die Tür auf und ging hinein. Es war
mittlerweile sehr spät geworden und er sehr müde. Sein Weg führte ihn direkt
ins Schlafzimmer und ins Bett. Heute nahm er keine Schlaftablette ein. Der
viele Alkohol hatte ihn geschafft. Er würde sicher auch ohne Schlafhilfe
schlafen können. Seinen Alkoholkonsum sollte er besser etwas einschränken,
dachte er noch bevor er sich auf die Seite legte.
Was war das? Er erschrak und setzte sich auf. Er
sah zur Zimmerdecke. Über ihm waren Schritte zu hören. Es waren keine leichten
Schritte. Eher derbe Männerschritte. Auch Stimmen waren zu hören. Sehr
unverständlich. Er versuchte irgendwelche Worte zu erhaschen. Aber er konnte
nichts verstehen. Sollte dort oben vielleicht russisch gesprochen werden? Und
was waren dort für Leute. Es war das erste Mal seit sie hier wohnte, dass er
von oben Geräusche vernahm. Ich bilde mir sicher wieder etwas ein,
ermahnte er sich und gab dem Alkohol die Schuld. Warum ich, warum ich?
Was hatte sie mit ihm vor?
Er stand auf, ging ins Bad und nahm doch noch
eine Schlaftablette.
***
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