Oktober 11, 2012

Sie + Er - 05


Das warme Wasser tat ihm gut. Es war wie ein warmer Sommerregen. Er legte den Kopf in den Nacken und ließ das Wasser über sein Gesicht rieseln. Dies vertrieb vielleicht die dumpfen Gedanken in seinem Kopf. Er stand noch eine Weile so dar, bevor er den Hahn zudrehte. Er stieg schnell in den Bademantel und ging in die Küche. Er hatte immer noch nichts gegessen. Er wollte sich ein paar Eier in die Pfanne hauen. Aber es waren keine Eier mehr da. Die Eier hatte sie. Er schaute an die Decke. Wozu brauchte sie ausgerechnet zwei Eier? Diese Frage machte ihn schier konfus. Na dann nicht, dachte er und zog sich an.

Er wohnte in einem alten Jugendstilhaus. Sehr gepflegt und mit einem wunderschönen schmiedeeisernen Aufzug. Im Parterre befand sich eine Kneipe. Hier wurde der Gemütlichkeitsfaktor groß geschrieben. Er ging öfters hierher. Mal auf ein Bier, einige gute Gespräche und – so wie heute – zum Essen. Es gab einige kleine Gerichte. Dazu immer einige aufmunternde Worte.

Er setzte sich an den Tresen. Der Wirt nickte ihm zu: „Wie immer?“ Er nickte nur kurz. Das Bier stand schnell vor ihm. Er lechzte völlig danach. Mit einem Zug leerte er das Glas und bestellte das nächste. „Hast Du noch etwas zu essen für mich?“ fragte er den Wirt. „Na klar. Schnitzel mit Bratkartoffeln?“ Er nickte wieder. Er trank das nächste Bier. Dann noch eins und noch eins. Dann bekam er sein Gericht. Er war wie ausgehungert. Seit heute Morgen war er nicht zum Essen gekommen. Als er fertig war bestellte er noch ein Bier.

Dan fragte er den Wirt: „Du kennst doch alle hier im Haus?“ „Hmm“ sagte der nur. „Hast Du schon einmal die neue Bewohnerin aus dem zweiten Stock gesehen? So eine rassige dunkelhaarige mit wunderschönen langen Haaren und Augen zum dahinschmelzen! Sie trägt immer einen roten Mantel.“ „Nein“ sagte der Wirt „eine Frau im roten Mantel habe ich noch nicht gesehen. Aber eine rassige schwarzhaarige schon!“ Er sah den Wirt verwundert an. Der Wirt aber sprach weiter: „Sie kommt öfters abends zum Essen hierher. Danach trinkt sie ein oder zwei Wodka und geht wieder. Aber die trägt keinen roten Mantel. Einen Hosenanzug in schwarz, eher militärisch. Sie spricht nur russisch.“ Er lacht und zwinkert mit dem linken Auge: „Scheint eine russische Spionin zu sein!“

Er muss sehr verwundert geschaut haben. „Sie spricht russisch?“ Das musste eine andere Frau sein. Doch alles, was der Wirt erzählte, ließ auf die geheimnisvolle Schöne schließen. Er erzählte dem Wirt alles was er die letzten Tage erlebt hatte. „Die scheint Dich ja ganz schön durcheinander gebracht zu haben“ bemerkte der Wirt nur. Er stellte ihm einen Wodka hin. „Geht aufs Haus!“ Hastig trank er den Wodka. Er bezahlte und ging wieder nach oben.

Eine russische Spionin dachte er nur. Für ihn sah sie eher aus wie ein Model.  Vielleicht auch eine Schauspielerin. Oder gar eine Prostituierte? Er mochte diesen Gedankengang nicht weiter verfolgen. Aber ihre kleine rote Krokolederhandtasche ließ auf gewisse Dinge schließen.

Bevor er seine Wohnungstür aufschloss sah er die Treppe hinauf. Was sie jetzt da oben tun würde? Die Neugier ließ ihn nicht ruhen. Er war bereit hinauf zu gehen. Tat es aber dann doch nicht. Er musste seine Neugier zügeln. Er würde sie am Sonntag auf ein Picknick einladen. Ja, das war eine sehr gute Idee. Sie würden zum kleinen See im Stadtpark gehen. Der war ganz in der Nähe und er hatte sie dort ja auch schon gesehen.

Er schloss die Tür auf und ging hinein. Es war mittlerweile sehr spät geworden und er sehr müde. Sein Weg führte ihn direkt ins Schlafzimmer und ins Bett. Heute nahm er keine Schlaftablette ein. Der viele Alkohol hatte ihn geschafft. Er würde sicher auch ohne Schlafhilfe schlafen können. Seinen Alkoholkonsum sollte er besser etwas einschränken, dachte er noch bevor er sich auf die Seite legte.

Was war das? Er erschrak und setzte sich auf. Er sah zur Zimmerdecke. Über ihm waren Schritte zu hören. Es waren keine leichten Schritte. Eher derbe Männerschritte. Auch Stimmen waren zu hören. Sehr unverständlich. Er versuchte irgendwelche Worte zu erhaschen. Aber er konnte nichts verstehen. Sollte dort oben vielleicht russisch gesprochen werden? Und was waren dort für Leute. Es war das erste Mal seit sie hier wohnte, dass er von oben Geräusche vernahm. Ich bilde mir sicher wieder etwas ein, ermahnte er sich und gab dem Alkohol die Schuld. Warum ich, warum ich? Was hatte sie mit ihm vor?

Er stand auf, ging ins Bad und nahm doch noch eine Schlaftablette.
 
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