Auch am Sonntag hörte er sie die Treppe
herunterkommen. Sie hatte einen sehr gleichmäßigen Schritt. Es hörte sich an
wie die Unruh einer Uhr. Immer im gleichen Rhythmus. Tack, Tack, Tack. Wie
programmiert. Er stand hinter der Tür und lauschte. Er stand stocksteif und
konnte sich nicht bewegen. Sein Herz klopfte bis zum Hals. Er hielt die
Türklinke fest und schaffte es nicht, sie herunterzudrücken. Ihre Schritte
kamen näher und hallten durch das Treppenhaus. Und dann – er konnte es kaum
noch aushalten – schien es als würde sie einige Sekunden vor seiner Tür verharren.
Ihm kam es vor wie eine Ewigkeit. Dann nahmen die Schritte wieder den gleichen
Rhythmus auf. Hatte sie tatsächlich vor seiner Tür innegehalten? Hatte sie etwa
erwartet, ihn vor seiner Tür anzutreffen? Sicher bildete er sich dies alles nur
ein. Er stand noch immer wie erstarrt hinter der Tür und hielt kampfhaft die
Türklinke fest. Er schloss die Augen. Sein Herz beruhigte sich langsam wieder
und schlug wie vorher langsam und gleichmäßig. Tack, Tack, Tack. Im gleichen
gleichmäßigen Rhythmus wie ihre Schritte. Langsam löste sich seine Starre und
er ging ins Zimmer zurück.
Warum brachte ihn diese Frau so durcheinander? Er
war ein gestandener Reporter und war viel unterwegs. Berichtete aus allen Ecken
und Enden der Erde. Ihn konnte so leicht nichts erschüttern. Er hatte in seinem
Leben viele Frauen kennengelernt. Eigentlich fiel es ihm leicht, Frauen zu
erobern. Manche wurden zu Wachs in seinen Händen. Doch sie war anders. Sie
passte nicht ins Schema. Sie hatte etwas Mystisches; etwas Geheimnisvolles. Sie
war wie ein stiller tiefer See, der den Grund nur erahnen ließ.
Er hatte noch zu arbeiten. Morgen war
Abgabetermin. Er öffnete seinen Laptop und klickte die bereits vorhandene Datei
an. Er konnte sich nur schwer konzentrieren. Seine Gedanken schweiften immer
wieder ab. Vor seinem geistigen Age erschien immer wieder sie. Sie ließ ihn
einfach nicht los. Wie sollte das nur weitergehen?
Er blieb an diesem Sonntag eisern bei der
Arbeit. Bis zum Abend hatte er es dann auch geschafft. Ende und Schluss! Er schloss den Laptop und
reckte sich erst einmal. Er war ganz schön verspannt von dem langen Sitzen.
Doch sein Engagement hatte sich gelohnt. Die Story war fertig. Morgen früh
würde er noch einmal Korrektur lesen und den Bericht an den Verlag mailen.
Er war hundemüde und wollte zu Bett gehen. Er
nahm sich aber erst noch einen Scotch. Ein bisschen Einschlafhilfe konnte nicht
schaden. Noch schnell ins Bad und dann ab in die Kiste. Er war zum Einschlafen
leider zu aufgedreht. Sonst half ein Whisky immer. Heute hatte er Probleme. Er
konnte nicht abschalten. Viele Gedanken kreisten in seinem Kopf herum.
Irgendwann fiel er doch in einen sehr unruhigen Schlaf. Bis …
…es klingelte. Er stand auf. Zog seinen Morgenmantel über und ging zur Tür.
Er öffnete und ihm blieb vor Schreck fast das Herz stehen. Da stand sie. In
ihrem roten Mantel und mit ihren großen schwarzen Augen. Nie zuvor hatte er so
große Augen gesehen. Sie sah ihn an und lächelte. Sie hatte das bezauberndste
Lächeln der Welt. Ihr roter Kussmund entblößte dabei zwei Reihen schneeweißer
Zähne.
„Hallo“ sagte sie mit engelsreiner Stimme „da bin ich“! Sie konnte
sprechen. Er fasste sich an den Kopf. Unfassbar, sie konnte sprechen. Zum
ersten Mal hörte er ihre Stimme. Er hatte sich mittlerweile gefangen und sagte
nur: „Ich habe Sie erwartet“.
Er bat sie herein und führte sie ins Wohnzimmer. Sie folgte ihm mit dem
Schritt, den er schon so gut kannte. Der Esstisch war festlich gedeckt. Auf dem
Parkettboden lagen überall verstreut langstielige rote Rosen. Ein Lüster
brannte und im Kamin loderte ein Feuer. Das Feuer strahlte behagliche Wärme
aus. Er öffnete eine Rotweinflasche; einen Barolo. Eine Flasche vom besten
Jahrgang.
„Möchten Sie nicht ablegen? Ich habe extra den Kamin angemacht!“ „Gerne“
sagte sie mit ihrer klangvollen Stimme und begann ihren Mantel aufzuknöpfen. Er
konnte seinen Blick nicht von ihr lassen. Diese Augen. Es waren diese Augen die
ihn so irritierten.
Sie knöpfte ihren Mantel sehr langsam auf. Er hatte viele Knöpfe. Für ihn
viel zu viele. Sie knöpfe langsam und mit Bedacht. Sie registrierte dabei jede seiner
Gefühlsregungen. Man spürte eine gewisse Spannung lag in der Luft. Die Kerzen
flackerten und warfen gespenstische Schatten an die Wand. Das Holz im Kamin knisterte.
Er stellte die Flasche auf den Tisch und wischte sich den Schweiß von der
Stirn. Sein Atem ging schneller.
Sie wartete noch einen Augenblick und öffnete den Mantel. Was er jetzt sah,
ließ ihn das Blut in den Adern gefrieren. Sie war nackt. Sein Atem ging
schneller. Am liebsten würde er sich die Kleider vom Leib reißen. Sie machte
ihn total konfus. Doch er sah sie nur mit großen Augen an. Sein Blick ging zu
ihren drallen Brüsten über den wohlgeformten Bauch bis… Sie trug noch nicht
einmal einen Slip. An dieser Stelle verweilte sein Blick etwas länger. Sie
genoss es. Sie wusste, er war ihr voll und ganz verfallen. Sein Blick ging
langsam weiter abwärts. Ihre zierlichen Füße steckten in den roten hochhackigen
Schuhen, die sie immer trug.
Er wollte etwas sagen. Doch seine Stimme versagte. Er hatte einen dicken
Kloß im Hals. Schweißperlen standen auf seiner Stirn. Sie registrierte alles
mit Wohlwollen. Ihr roter Mund formte einen Kuss. Dann lachte Sie. Ihr Lachen
wurde lauter. Aus ihrem makellosen Gesicht wurde eine Fratze. Das Lachen wurde
lauter und schriller. Ein hämisches verachtendes Lachen.
Er erschrak und wich zurück. Angst erfasste ihn; panische Angst. Was
passierte hier? Sie war zu einem Monster geworden. Dann ergriff sie das
Weinglas und trank es in einem Zug leer. Das leere Glas warf sie an die Wand.
Es zerschellte in tausend kleine Glassplitter. Sie kam näher. Ihre Arme wurden
länger und dünner. Sie sahen plötzlich wie Greifer aus, die sich nach ihm
streckten. Er hatte furchtbare Angst. Er wollte schreien. Dann berührte einer
dieser knochigen langen Finger sein Gesicht und sie sagte: „Komm, Du willst es
doch. Komm schon und nimm mich.“ Was war nur aus dieser engelshellen Stimme
geworden?
…Er schreckte hoch. Durch seinen Schrei wurde er
wach. Es war nur ein Traum gewesen. Ein schrecklicher Alptraum. Er war
schweißgebadet. Sein Pyjama klebte an seinem Körper. Er ging ins Bad um eine
Schlaftablette zu nehmen. Im Spiegelschrank fand er noch ein Röhrchen. Sein
Spiegelbild sah schrecklich aus. Ich muss diese Frau vergessen, sagte er zu
sich. Diese Frau brachte sein Leben und seine komplette Gefühlswelt total
durcheinander. Mit einem großen Glas Wasser nahm er die Tablette ein und ging
zurück ins Bett. Nun fiel er in einen tiefen, tiefen alles vergessenden Schlaf.
***
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