Oktober 07, 2012

Sie + Er - 02


Auch am Sonntag hörte er sie die Treppe herunterkommen. Sie hatte einen sehr gleichmäßigen Schritt. Es hörte sich an wie die Unruh einer Uhr. Immer im gleichen Rhythmus. Tack, Tack, Tack. Wie programmiert. Er stand hinter der Tür und lauschte. Er stand stocksteif und konnte sich nicht bewegen. Sein Herz klopfte bis zum Hals. Er hielt die Türklinke fest und schaffte es nicht, sie herunterzudrücken. Ihre Schritte kamen näher und hallten durch das Treppenhaus. Und dann – er konnte es kaum noch aushalten – schien es als würde sie einige Sekunden vor seiner Tür verharren. Ihm kam es vor wie eine Ewigkeit. Dann nahmen die Schritte wieder den gleichen Rhythmus auf. Hatte sie tatsächlich vor seiner Tür innegehalten? Hatte sie etwa erwartet, ihn vor seiner Tür anzutreffen? Sicher bildete er sich dies alles nur ein. Er stand noch immer wie erstarrt hinter der Tür und hielt kampfhaft die Türklinke fest. Er schloss die Augen. Sein Herz beruhigte sich langsam wieder und schlug wie vorher langsam und gleichmäßig. Tack, Tack, Tack. Im gleichen gleichmäßigen Rhythmus wie ihre Schritte. Langsam löste sich seine Starre und er ging ins Zimmer zurück.

Warum brachte ihn diese Frau so durcheinander? Er war ein gestandener Reporter und war viel unterwegs. Berichtete aus allen Ecken und Enden der Erde. Ihn konnte so leicht nichts erschüttern. Er hatte in seinem Leben viele Frauen kennengelernt. Eigentlich fiel es ihm leicht, Frauen zu erobern. Manche wurden zu Wachs in seinen Händen. Doch sie war anders. Sie passte nicht ins Schema. Sie hatte etwas Mystisches; etwas Geheimnisvolles. Sie war wie ein stiller tiefer See, der den Grund nur erahnen ließ.

Er hatte noch zu arbeiten. Morgen war Abgabetermin. Er öffnete seinen Laptop und klickte die bereits vorhandene Datei an. Er konnte sich nur schwer konzentrieren. Seine Gedanken schweiften immer wieder ab. Vor seinem geistigen Age erschien immer wieder sie. Sie ließ ihn einfach nicht los. Wie sollte das nur weitergehen?

Er blieb an diesem Sonntag eisern bei der Arbeit. Bis zum Abend hatte er es dann auch geschafft.  Ende und Schluss! Er schloss den Laptop und reckte sich erst einmal. Er war ganz schön verspannt von dem langen Sitzen. Doch sein Engagement hatte sich gelohnt. Die Story war fertig. Morgen früh würde er noch einmal Korrektur lesen und den Bericht an den Verlag mailen.

Er war hundemüde und wollte zu Bett gehen. Er nahm sich aber erst noch einen Scotch. Ein bisschen Einschlafhilfe konnte nicht schaden. Noch schnell ins Bad und dann ab in die Kiste. Er war zum Einschlafen leider zu aufgedreht. Sonst half ein Whisky immer. Heute hatte er Probleme. Er konnte nicht abschalten. Viele Gedanken kreisten in seinem Kopf herum. Irgendwann fiel er doch in einen sehr unruhigen Schlaf. Bis …

…es klingelte. Er stand auf. Zog seinen Morgenmantel über und ging zur Tür. Er öffnete und ihm blieb vor Schreck fast das Herz stehen. Da stand sie. In ihrem roten Mantel und mit ihren großen schwarzen Augen. Nie zuvor hatte er so große Augen gesehen. Sie sah ihn an und lächelte. Sie hatte das bezauberndste Lächeln der Welt. Ihr roter Kussmund entblößte dabei zwei Reihen schneeweißer Zähne.

„Hallo“ sagte sie mit engelsreiner Stimme „da bin ich“! Sie konnte sprechen. Er fasste sich an den Kopf. Unfassbar, sie konnte sprechen. Zum ersten Mal hörte er ihre Stimme. Er hatte sich mittlerweile gefangen und sagte nur: „Ich habe Sie erwartet“.

Er bat sie herein und führte sie ins Wohnzimmer. Sie folgte ihm mit dem Schritt, den er schon so gut kannte. Der Esstisch war festlich gedeckt. Auf dem Parkettboden lagen überall verstreut langstielige rote Rosen. Ein Lüster brannte und im Kamin loderte ein Feuer. Das Feuer strahlte behagliche Wärme aus. Er öffnete eine Rotweinflasche; einen Barolo. Eine Flasche vom besten Jahrgang.

„Möchten Sie nicht ablegen? Ich habe extra den Kamin angemacht!“ „Gerne“ sagte sie mit ihrer klangvollen Stimme und begann ihren Mantel aufzuknöpfen. Er konnte seinen Blick nicht von ihr lassen. Diese Augen. Es waren diese Augen die ihn so irritierten.

Sie knöpfte ihren Mantel sehr langsam auf. Er hatte viele Knöpfe. Für ihn viel zu viele. Sie knöpfe langsam und mit Bedacht. Sie registrierte dabei jede seiner Gefühlsregungen. Man spürte eine gewisse Spannung lag in der Luft. Die Kerzen flackerten und warfen gespenstische Schatten an die Wand. Das Holz im Kamin knisterte. Er stellte die Flasche auf den Tisch und wischte sich den Schweiß von der Stirn. Sein Atem ging schneller.

Sie wartete noch einen Augenblick und öffnete den Mantel. Was er jetzt sah, ließ ihn das Blut in den Adern gefrieren. Sie war nackt. Sein Atem ging schneller. Am liebsten würde er sich die Kleider vom Leib reißen. Sie machte ihn total konfus. Doch er sah sie nur mit großen Augen an. Sein Blick ging zu ihren drallen Brüsten über den wohlgeformten Bauch bis… Sie trug noch nicht einmal einen Slip. An dieser Stelle verweilte sein Blick etwas länger. Sie genoss es. Sie wusste, er war ihr voll und ganz verfallen. Sein Blick ging langsam weiter abwärts. Ihre zierlichen Füße steckten in den roten hochhackigen Schuhen, die sie immer trug.

Er wollte etwas sagen. Doch seine Stimme versagte. Er hatte einen dicken Kloß im Hals. Schweißperlen standen auf seiner Stirn. Sie registrierte alles mit Wohlwollen. Ihr roter Mund formte einen Kuss. Dann lachte Sie. Ihr Lachen wurde lauter. Aus ihrem makellosen Gesicht wurde eine Fratze. Das Lachen wurde lauter und schriller. Ein hämisches verachtendes Lachen.

Er erschrak und wich zurück. Angst erfasste ihn; panische Angst. Was passierte hier? Sie war zu einem Monster geworden. Dann ergriff sie das Weinglas und trank es in einem Zug leer. Das leere Glas warf sie an die Wand. Es zerschellte in tausend kleine Glassplitter. Sie kam näher. Ihre Arme wurden länger und dünner. Sie sahen plötzlich wie Greifer aus, die sich nach ihm streckten. Er hatte furchtbare Angst. Er wollte schreien. Dann berührte einer dieser knochigen langen Finger sein Gesicht und sie sagte: „Komm, Du willst es doch. Komm schon und nimm mich.“ Was war nur aus dieser engelshellen Stimme geworden?

 Nun schrei doch endlich, dachte er. Schrei doch…

…Er schreckte hoch. Durch seinen Schrei wurde er wach. Es war nur ein Traum gewesen. Ein schrecklicher Alptraum. Er war schweißgebadet. Sein Pyjama klebte an seinem Körper. Er ging ins Bad um eine Schlaftablette zu nehmen. Im Spiegelschrank fand er noch ein Röhrchen. Sein Spiegelbild sah schrecklich aus. Ich muss diese Frau vergessen, sagte er zu sich. Diese Frau brachte sein Leben und seine komplette Gefühlswelt total durcheinander. Mit einem großen Glas Wasser nahm er die Tablette ein und ging zurück ins Bett. Nun fiel er in einen tiefen, tiefen alles vergessenden Schlaf.
***

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