Sie wohnte über ihm im 2. Stock. Er hatte sie
schon mehrmals gesehen. Er wusste mehr von ihr als sie ahnte.
Sie ging jeden Morgen zur selben Zeit die Treppe
hinunter und abends ging sie immer zur selben Zeit wieder hinauf. Montag bis
Freitag. Samstag und Sonntag ging sie genau eine Stunde später die Treppe
hinunter. An diesen beiden Tagen kehrte sie jeweils zu unterschiedlichen Zeiten
zurück. Dies machte ihn stutzig.
Immer wenn sie die Treppe herunterkam nahm er
den Mülleimer und öffnete die Wohnungstür; genau in dem Augenblick, als sie an
seiner Tür vorbeiging. Er schaute sie an und sagte lächelnd: „Guten Morgen“.
Sie erwiderte den Gruß nicht und ging, ohne ihn eines Blickes zu würdigen,
weiter nach unten. Stufe für Stufe. Er sah ihr nach. Sie trug einen roten
Mantel und rote hochhackige Schuhe. Ihr schwarzes langes in Wellen fließendes Haar
fiel weich über ihren Rücken.
Auch abends passte er genau den Zeitpunkt ab, an
dem sie nach Hause kam. Ihm fiel immer ein Grund ein genau zum gleichen
Zeitpunkt vor seiner Tür zu erscheinen. Manchmal tat er auch so, als sei er gerade
in diesem Moment nach Hause gekommen. „Einen schönen guten Abend“ wünschte er,
doch nichts passierte. Sie ging an ihm vorüber ohne ihn überhaupt zu
registrieren. Ihre Haut war wie Elfenbein und ihr üppiger Mund so rot wie ihr Mantel. Am linken Arm trug sie eine kleine
rote Krokolederhandtasche. Sie trug die kleine rote Krokolederhandtasche so wie
sie Damen tragen, die eigentlich keine Damen sind. Ihm schien es, als würde sie
ihre Umwelt überhaupt nicht wahrnehmen. Sie schwebte fast.
Er ging zurück in seine Wohnung. Er schloss die
Tür hinter sich und blieb einen Moment reglos stehen. Sein Brustkorb hob und
senkte sich schnell. Sein Atem ging schwer. Was für eine Frau! Was für ein
rätselhaftes Wesen!
Seit einem Monat wohnte sie hier im Haus. Er
kannte weder ihren Namen, noch wusste er woher sie kam. Doch viel mehr
interessierte ihn wohin sie ging! Keiner der anderen Bewohner hatte je mit ihr
gesprochen oder sie je zu Gesicht bekommen. Es war, als wäre sie plötzlich aus
dem Nichts aufgetaucht.
Sollte er vielleicht einmal nach oben gehen und
nach dem Namensschild an der Tür sehen? Diesen Gedanken verwarf er aber gleich
wieder. Was wäre, wenn sie plötzlich aus der Tür trat? Er würde stotternd nach
einer Erklärung suchen, was er vor ihrer Tür mache. Er würde rot werden, sich
schnell auf dem Absatz umdrehen und die Treppe im Eiltempo hinunterlaufen. Er
zügelte seine Neugier und blieb in seiner Wohnung.
***
Keine Kommentare:
Kommentar veröffentlichen