Oktober 03, 2012

Sie + Er - 01


Sie wohnte über ihm im 2. Stock. Er hatte sie schon mehrmals gesehen. Er wusste mehr von ihr als sie ahnte. 

Sie ging jeden Morgen zur selben Zeit die Treppe hinunter und abends ging sie immer zur selben Zeit wieder hinauf. Montag bis Freitag. Samstag und Sonntag ging sie genau eine Stunde später die Treppe hinunter. An diesen beiden Tagen kehrte sie jeweils zu unterschiedlichen Zeiten zurück. Dies machte ihn stutzig. 

Immer wenn sie die Treppe herunterkam nahm er den Mülleimer und öffnete die Wohnungstür; genau in dem Augenblick, als sie an seiner Tür vorbeiging. Er schaute sie an und sagte lächelnd: „Guten Morgen“. Sie erwiderte den Gruß nicht und ging, ohne ihn eines Blickes zu würdigen, weiter nach unten. Stufe für Stufe. Er sah ihr nach. Sie trug einen roten Mantel und rote hochhackige Schuhe. Ihr schwarzes langes in Wellen fließendes Haar fiel weich über ihren Rücken. 

Auch abends passte er genau den Zeitpunkt ab, an dem sie nach Hause kam. Ihm fiel immer ein Grund ein genau zum gleichen Zeitpunkt vor seiner Tür zu erscheinen. Manchmal tat er auch so, als sei er gerade in diesem Moment nach Hause gekommen. „Einen schönen guten Abend“ wünschte er, doch nichts passierte. Sie ging an ihm vorüber ohne ihn überhaupt zu registrieren. Ihre Haut war wie Elfenbein und ihr üppiger Mund so rot wie  ihr Mantel. Am linken Arm trug sie eine kleine rote Krokolederhandtasche. Sie trug die kleine rote Krokolederhandtasche so wie sie Damen tragen, die eigentlich keine Damen sind. Ihm schien es, als würde sie ihre Umwelt überhaupt nicht wahrnehmen. Sie schwebte fast. 

Er ging zurück in seine Wohnung. Er schloss die Tür hinter sich und blieb einen Moment reglos stehen. Sein Brustkorb hob und senkte sich schnell. Sein Atem ging schwer. Was für eine Frau! Was für ein rätselhaftes Wesen! 

Seit einem Monat wohnte sie hier im Haus. Er kannte weder ihren Namen, noch wusste er woher sie kam. Doch viel mehr interessierte ihn wohin sie ging! Keiner der anderen Bewohner hatte je mit ihr gesprochen oder sie je zu Gesicht bekommen. Es war, als wäre sie plötzlich aus dem Nichts aufgetaucht. 
 
Sollte er vielleicht einmal nach oben gehen und nach dem Namensschild an der Tür sehen? Diesen Gedanken verwarf er aber gleich wieder. Was wäre, wenn sie plötzlich aus der Tür trat? Er würde stotternd nach einer Erklärung suchen, was er vor ihrer Tür mache. Er würde rot werden, sich schnell auf dem Absatz umdrehen und die Treppe im Eiltempo hinunterlaufen. Er zügelte seine Neugier und blieb in seiner Wohnung. 
ier witterte eineHH
Sie war sehr geheimnisvoll und genau das machte sie für ihn interessant. Er war Reporter und daher ein guter Beobachter. Hier witterte er eine brisante Story.

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