Oktober 14, 2012

Sie + Er - 12


Am Samstag bekam sein Freund einen Anruf. Er musste nach Rom reisen, wegen einer Reisereportage. Dies würde sicher einige Tage - vielleicht länger - in Anspruch nehmen. Also war er wieder mal allein. Sein Freund fuhr im Taxi zum Flughafen, er ging hinunter in die Kneipe. Die nächste Zeit würde es für ihn kein geregeltes Essen geben. Er konnte nur die Mikrowelle bedienen. Der Fotograf aber war ein guter Koch. Die kleine Männer-WG hatte sich gut eingespielt. Sie ergänzten sich perfekt. Einer mache die Hausarbeit; der Andere genoss das gute Essen und sonstige Annehmlichkeiten. Und der Andere war Er.

Der Wirt freute sich ihn mal wieder zu sehen und nickte ihm kurz zu. Er setzte sich ganz hinten an einen Fenstertisch und sah sich in der kleinen Kneipe um. Es war sehr gemütlich hier. Ein paar Männer saßen am Stammtisch und spielten Skat. Ein junges Pärchen lachte und schwatzte bei einem Glas Sekt oder Prosecco oder so etwas Ähnliches. Sie quietschte manchmal, als hätte man eine Maus getreten. Eine Wasserstoffblondine. Sie schaute kurz zu ihm herüber und fing dann mit ihrem Gegenüber zu tuscheln an. Wahrscheinlich über ihn, so vermutete er. Nein, auf Wasserstoffblond stand er nicht.

Der Wirt kam an seinen Tisch und sagte: „Heute gibt es Eintopf oder Schnitzel mit Bratkartoffeln als Mittagstisch. Was magst Du? Ich kann Dir aber auch ein Steak braten!“ „Schnitzel ist mir recht“ sagte Er „und ein großes Bier bitte!“. „Kein Whisky vorweg?“ fragte der Wirt. „Nein, gib mir mal lieber einen Wodka!“ „Kommt sofort“ erwiderte der Wirt und ging in die Küche. Er schüttelte den Kopf und dachte: Der arme Kerl. Die Frau hat ihn total aus dem Ruder gebracht!

Bald stand der Wodka vor ihm. Eisgekühlt; auch das Glas. Er kippte ihn schnell hinunter und bestellte noch einen. Er brannte wie Feuer, aber er tat ihm gut. Verdammt gut. Der Wirt stellte das Bier hin und frage: „Noch einen?“ „Aller guten Dinge sind drei“ sagte Er und kippte auch den Dritten hastig hinunter. „Fühlst Du Dich jetzt besser?“ fragte der Wirt. „Auf jeden Fall fühle ich mich jetzt anders.“ Sagte Er und setzte das Bierglas an. Der Wirt entfernte sich wieder. Das Pärchen fing nun an zu knutschen. Peinlich, dachte Er und sah aus dem Fenster.

Der Wirt kam mit dem bestellten Essen. Er schlang es gierig hinunter. Er hatte sehr großen Hunger. Dann bestellte er noch ein Bier. Der Wodka tat schon seine Wirkung. Er suchte nach seinem Geld. „Schreib’s auf“ rief er dem Wirt zu und verließ das Lokal.

Er wohnte im ersten Stock doch es fiel ihm sehr schwer die Treppe zu erklimmen. Verdammt, der Alkohol dachte er und schloss die Wohnungstür auf. Die Wohnung war kalt und leer. Jetzt, wo sein Freund fort war, erschien sie ihm noch leerer. Er war sehr unzufrieden, zog seine Schuhe aus und schleuderte sie durch das Zimmer. Im Kühlschrank suchte er nach einer Flasche Bier. Fehlanzeige. Also griff er wieder zu dem guten alten Whisky. 10 JAHRE IN HOLZFÄSSERN GEREIFT! Stand auf dem Etikett. Ihm war das im Moment egal. Auch dass es ein echter schottischer Whisky war interessierte ihn im Moment nicht sehr. Schnell mal einen Schluck aus der Flasche nehmen. Wozu ein Glas schmutzig machen. Man musste es ja doch wieder spülen. Also nahm er die Flasche und ging zu seinem Schreibtisch. Er öffnete seinen Laptop und loggte sich ein. Dann öffnete er sein Email-Programm und sah nach neuen Nachrichten. Es gab fünf neue Nachrichten. Das übliche. Werbung und einige kleine Aufträge für ihn. Doch eine Nachricht machte ihn stutzig. Sie hatte – wie die bereits erhaltene Mail – einen sehr zweifelhaften Absender, den er auch dieses Mal nicht entziffern konnte. Er überlegte, ob er den Anhang dieser Nachricht öffnen sollte. Vielleicht erfuhr er wieder etwas Neues über die geheimnisvolle Fremde? Neugierig war er schon, das brachte sein Beruf so mit sich. Also klickte er den Anhang an und wartete auf das was geschah.

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Oktober 13, 2012

Sie + Er - 11


Bis Sonntag waren es nur noch wenige Tage, so dachte er. Aber wenige Tage konnten sich ganz schön in die Länge ziehen. Gut, dass sein Freund jetzt bei ihm eingezogen war. Sie gaben die perfekte Männer-WG ab. Sein Freund konnte verdammt gut kochen. Er war somit gut versorgt und musste nicht mehr nur von Whisky leben. Gut, eine Tiefkühlpizza konnte er auch noch in die Mikrowelle schieben. Doch meistens ging er unten in die kleine Kneipe. Dort gab es immer gute Hausmannskost.

Um sich die Zeit bis Sonntag zu verkürzen begab er sich wieder an seinen Laptop und öffnete die Datei: DIE FRAU IM ROTEN MANTEL. Er hatte ja bis jetzt nur eine Überschrift. Es war auch gar nicht so einfach einen passenden Anfang zu finden. Sein Freund schaute ihm über die Schulter und meinte nur: „Wow. Toller Titel.“ Er: „Mach Dich nur lustig. Du wirst sehen, eines Tages wird mein Buch ein Bestseller.“ Der Andere: „Vielleicht, aber dazu musst Du erst einmal anfangen.“ Lachte und ließ ihn allein. War auch besser so. Ohne ihn konnte er sich besser konzentrieren.

Doch seine Gedanken schweiften immer wieder ab. Vor seinem geistigen Auge sah er sie die Treppe herunterschreiten. Den roten Mantel eng um sich geschlungen. Mit ihren Armen hielt sie ihn regelrecht gefangen, als hätte sie Angst ihn zu verlieren. Ihr Blick war betörend. Er sah in diese schwarzen Augen und versank fast darin. Ihre roten Lippen formte sie zu einem Schmollmund à la Marilyn Monroe. Er versuchte das Bild zu verwischen, um sich wieder seinem Dokument zu widmen. Dies gelang ihm nur schwer; sehr schwer.

Im Laufe des Nachmittags klingelte es. Das ist sie, schoss es ihm durch den Kopf! Er rannte förmlich zur Tür und öffnete dieselbe. Doch es war nicht sie. Vor der Tür stand ein etwas älterer Herr leicht ergraut mit Brille und einem dunklen Anzug. In der linken Hand trug er eine schwarze lederne Aktentasche. Er lüftete gerade den Hut und stellte sich vor: „Gestatten mein Name ist … ich komme von der Kanzlei … . Bitte entschuldigen sie die Störung. Kennen sie vielleicht diese Dame?“ und hielt ihm ein Foto hin. Er erschrak. Das war sie. „Sie soll seit geraumer Zeit hier im Haus – oder in der näheren Umgebung wohnen. Ist sie Ihnen vielleicht schon einmal begegnet.“ redete der ältere Herr weiter. Er hatte sich wieder gefangen und erwiderte: „Nein, leider nicht. So eine hübsche Person wäre mir sicherlich aufgefallen“. Er sah sich das Foto sehr intensiv an. Sie wirkte anders. Nicht so verführerisch, eher normal. So, wie sich wohl jeder Mensch fotografieren lässt. „Tut mir leid, ich kann Ihnen leider nicht weiter helfen“. Er gab dem Herrn das Bild zurück. Mittlerweile war sein Freund erschienen, sah das Foto und wollte gerade ansetzen etwas zu sagen, als er ihm schnell das Wort abschnitt. „Warum suchen sie diese Frau? Hat sie etwas ausgefressen?“ „Das kann ich Ihnen nicht sagen“ sprach der grauhaarige ältere Herr „Sie verstehen, Schweigepflicht. Ich bin Rechtsanwalt“. Er lüftete abermals seinen Hut, nickte und wandte sich zum Gehen. Dann drehte er sich aber noch einmal um. Er reichte ihm seine Visitenkarte und sagte: “Bitte informieren sie mich, sollten Sie der Dame doch einmal begegnen!“ Dann ging er.

„Was war denn das?“ sein Freund war sichtlich verwirrt. Langsam schloss er die Tür. Auch ihn hatte diese Begegnung durcheinander gebracht. Langsam ging er zurück ins Wohnzimmer. Jetzt brauchte er unbedingt einen Scotch. Er goss zwei Gläser ein und gab das eine seinem Freund. „Danke, das kann ich jetzt auch gut gebrauchen“. Wer ist diese Frau? Wieder fing er an zu grübeln. Es wurde um sie als mysteriöser. Dann sagte er zu seinem Freund: „Warum sucht ein Rechtsanwalt eine Person? Hat sie vielleicht geerbt? Ist sie vielleicht aus einer Klinik geflohen? Ist sie vielleicht doch eine russische Spionin? Wird sie sogar vom Geheimdienst gesucht? Wer ist sie und was ist sie? Kannst Du mir das vielleicht sagen?“ „Ich? Nein, Gott bewahre. Aber seltsam ist es schon. Sehr seltsam!“ Sein Freund hatte das Glas in einem Zug geleert und goss sich einen zweiten Scotch ein. Er dagegen nippte eher an seinem Glas. Viel zu viel ging ihm momentan durch den Kopf. Fragen über Fragen. Er musste dem Geheimnis auf den Grund gehen, sonst würde er verrückt werden.

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