Oktober 11, 2012

Sie + Er - 06


Am nächsten Morgen wachte er mit einem Brummschädel auf.  Der viele Alkohol steckte ihm in den Knochen. Die Schlaftablette tat auch ihr Übriges. Er stand auf, ging ins Bad und sah in den Spiegel. Der Mann, der ihm dort entgegensah, sah furchterregend aus. Blutunterlaufene Augen; fahle Haut. Wie war er heruntergekommen. Er erschrak über sein eigenes Spiegelbild. Ich darf nicht mehr so viel saufen dachte er nur und ging duschen. Das Wasser tat wie immer seine Wirkung. Danach fühlte er sich etwas menschlicher. Jetzt noch einen starken Kaffee. Vielleicht war dann die Welt wieder in Ordnung.

Doch so schnell war seine Welt nicht wieder in Ordnung. Er musste an das Gespräch mit dem Kneipenwirt denken. Sollte sie wirklich eine russische Spionin sein? Möglich war bei dieser Frau alles. Er trank den Kaffee sehr langsam und dachte nach. Was war eigentlich so rätselhaft und undurchsichtig an ihr? Er zog ein kurzes Resümee:

Sie ging jeden Morgen – Montag bis Freitag – immer zur selben Zeit die Treppe hinunter. Das machen Millionen anderer Menschen auch, die einer geregelten Arbeit nachgehen. Sie kommt jeden Abend – Montag bis Freitag – zur gleichen Zeit wieder nach Hause. Auch das tun Millionen anderer Menschen auch. Also nichts Außergewöhnliches.

Sie trägt immer einen roten Mantel und rote Schuhe. Viele Menschen tragen jeden Tag denselben Mantel und auch dieselben Schuhe. Vielleicht weil sie bequem sind und sie diese Teile gerne anziehen. Auch nichts Außergewöhnliches.

Sie grüßt ihn nicht. Vielleicht ist sie ja in Gedanken. Vielleicht ist sie auch nur schüchtern. Viele Menschen gehen gedankenlos einfach weiter. Da steckt doch nicht immer Abnormes dahinter. Etwas merkwürdig vielleicht, aber mehr auch nicht.

Dann sein Traum. Der war schon seltsam. In Träumen verarbeitet das Unterbewusstsein den Tag. Alles was man erlebt hat und über was man sich aufgeregt oder geärgert hat. Oder auch einen Krimi, den man zu später Stunde gesehen hat. Er hatte aber an diesem Tag keinen Krimi gesehen. Er hatte nur sie gesehen.

Diese Dinge konnte er verstehen. Was der Wirt sagte nicht. Warum zog sie sich um, wenn sie in die Kneipe ging? Warum sprach sie plötzlich nur russisch? War es wirklich ein und dieselbe Person? Handelte es sich hier etwa um Zwillinge? Auf diese Idee war er bisher noch nicht gekommen! Oder war sie sogar eine gespaltene Persönlichkeit? Er war kein Psychiater. Woher sollte er das wissen!
 
Die Frau im roten Mantel brachte sein Leben ganz schön durcheinander. Ich muss auf andere Gedanken kommen dachte er bei sich, zog den Mantel an und ging aus dem Haus. Er ging in den Verlag. Vielleicht gab es einen Auftrag für ihn. Am liebsten wäre ihm jetzt ein kurzer Auslandsauftrag. Er konnte dann für einige Tage einfach verschwinden. Dann würden ihn auch diese quälenden Gedanken endlich loslassen, hoffte er.

Doch es lag für ihn nichts vor. Eine kleine Lokalreportage. Das übliche halt. Er ging missmutig nach Hause. Jetzt griff er zur Kopfschmerztablette. Die frische Luft hatte ihm nicht geholfen. Er nahm die Tablette wieder mit einem ordentlichen Schuss Scotch ein. Der Whisky brannte in der Kehle. Whisky war so eine Art Allheilmittel für ihn. Danach fühlte er sich gleich besser. Im Moment. Bis der große Kater wieder kam. Doch das war ihm im Augenblick egal.

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