Oktober 11, 2012

Sie + Er - 08


Er unterbrach das Video. Stand auf und holte sich noch einen Scotch. Langsam ging er zu seinem Schreibtisch zurück. Er nahm genüsslich einen langen Schluck. Ah, der Whisky tat sein Gutes. Er fühlte sich wieder besser.

Dann ließ er das Video weiter laufen. Sie trug plötzlich ein rotes Ballettröckchen. So ein kleines Tutu. Sie trug auch nicht mehr ihre hochhackigen Schuhe sondern rote Ballettschuhe. Sie befand sich in einem großen Saal mit Parkettboden und einem riesengroßen Kronleuchter. An der einen Wand befanden sich nur Fenster. An der gegenüberliegenden Wand waren lauter Spiegel angebracht. Vielleicht ein Schloss, dachte er. Er nahm noch einen Schluck von dem Scotch und erhoffte sich eine kurzweilige Vorführung. Musik setzte ein. Er kannte sich mit klassischer Musik nicht sehr gut aus. Dies könnte Rachmaninow sein, überlegte er, oder vielleicht Tschaikowski? Dass es ein russischer Komponist war stand für ihn jedoch fest.

Was er jetzt sah, hatte er nicht erwartet. Sie begann sich mit der Musik im Gleichklang zu bewegen. Sie konnte klassisches Ballett! Diese Frau erstaunte ihn immer wieder. War sie gar eine echte Balletttänzerin? Vielleicht sogar eine russische? Diese Frau war voller Geheimnisse. Aber was er sah war wunderbar. Er genoss es sehr. Sie bewegte sich so leicht und schwebte regelrecht über das Parkett.  Ihre Sprünge waren hoch, sehr hoch. Ihre Pirouetten waren traumhaft. Der ganze Tanz war wunderbar ästhetisch und voller Grazie. Dies hatte er von ihr nicht erwartet. Er hatte eher an eine erotische Darbietung gedacht. Doch sie tanzte so vollendet zu der Musik, als hätte sie ihr ganzes Leben nie etwas anderes getan. Für ihn ein wundervolles Erlebnis. Die Musik wurde lauter, schneller und ihre Bewegungen passten sich an.

Klassisches Ballett! Ein Ballett, das man sonst nur in großen Opernhäusern sah.  Die Darbietung erregte ihn trotzdem. Er spürte, dass ihm die Hose schon wieder zu eng wurde. Er lehnte sich zurück, öffnete seinen Gürtel und den Reißverschluss der Hose. Nun gab er sich vollends der etwas außergewöhnlichen Vorstellung hin. Rachmaninow – er war sicher dass es Rachmaninow war – ging seinem Höhepunkt entgegen. Er auch.

Die Musik setzte plötzlich aus. Er schaute wieder auf den Monitor. Sie warf ihm noch eine Kusshand zu. Der Bildschirm wurde schwarz. Das Video war zu Ende. Er atmete tief durch. Diese Frau brachte ihn noch an den Rand des Wahnsinns. Er schloss seine Hose und ging ins Bad. Er sah noch immer (oder schon wieder) sehr mitgenommen aus. Er ging zurück an seinen Schreibtisch und klappte den Laptop zu. Ich muss sie unbedingt näher kennenlernen, dachte er und ging ans Fenster um frische Luft zu schnappen.

Er freute sich auf das Treffen mit dem Fotografen. Ihm würde er diese ganze teuflische Geschichte erzählen. Er hatte bestimmt einen guten Rat für ihn. Doch bis zum Abend war es noch lange. Er überlegte was jetzt zu tun sei. Ich werde einen Roman schreiben sagte er zu sich selbst. Ein Roman konnte für ihn den großen Durchbruch bedeuten. Er wusste auch schon den Titel: DIE FRAU IM ROTEN MANTEL.

Er klappte den Laptop wieder auf, öffnete sein Textverarbeitungsprogramm und erstellte eine neue Datei. Mit großen roten Lettern schrieb er den Titel auf die erste Seite. Gut, der Anfang war gemacht. Doch zum Schreiben brauchte er Ruhe und sehr viel Geduld. Diese beiden Eigenschaften fehlten ihm im Moment völlig. Seine Gedanken schweiften ab. Er ging  in sein Email-Programm, um die Datei noch einmal zu öffnen. Er fand die Datei aber nicht mehr. Hoffentlich habe ich sie nicht gelöscht? Aber nein, das hätte er doch bemerkt. Sein Programm hätte ihn ja auch darauf hingewiesen. Er fing an zu schwitzen. Wo war diese verflixte Datei geblieben? Doch die Datei blieb verschwunden.

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