Er unterbrach das Video. Stand auf und holte
sich noch einen Scotch. Langsam ging er zu seinem Schreibtisch zurück. Er nahm
genüsslich einen langen Schluck. Ah, der Whisky tat sein Gutes. Er fühlte sich
wieder besser.
Dann ließ er das Video weiter laufen. Sie trug
plötzlich ein rotes Ballettröckchen. So ein kleines Tutu. Sie trug auch nicht
mehr ihre hochhackigen Schuhe sondern rote Ballettschuhe. Sie befand
sich in einem großen Saal mit Parkettboden und einem riesengroßen Kronleuchter.
An der einen Wand befanden sich nur Fenster. An der gegenüberliegenden Wand
waren lauter Spiegel angebracht. Vielleicht
ein Schloss, dachte er. Er nahm noch einen Schluck von dem Scotch und erhoffte
sich eine kurzweilige Vorführung. Musik setzte ein. Er kannte sich mit
klassischer Musik nicht sehr gut aus. Dies
könnte Rachmaninow sein, überlegte er, oder
vielleicht Tschaikowski? Dass es ein russischer Komponist war stand für ihn
jedoch fest.
Was er jetzt sah, hatte er nicht erwartet. Sie begann sich mit der Musik im
Gleichklang zu bewegen. Sie konnte klassisches Ballett! Diese Frau erstaunte
ihn immer wieder. War sie gar eine echte Balletttänzerin? Vielleicht sogar eine
russische? Diese Frau war voller Geheimnisse. Aber was er sah war wunderbar. Er
genoss es sehr. Sie bewegte sich so leicht und schwebte regelrecht über das
Parkett. Ihre Sprünge waren hoch, sehr
hoch. Ihre Pirouetten waren traumhaft. Der ganze Tanz war wunderbar ästhetisch
und voller Grazie. Dies hatte er von ihr nicht erwartet. Er hatte eher an eine
erotische Darbietung gedacht. Doch sie tanzte so vollendet zu der Musik, als
hätte sie ihr ganzes Leben nie etwas anderes getan. Für ihn ein wundervolles
Erlebnis. Die Musik wurde lauter, schneller und ihre Bewegungen passten sich
an.
Klassisches Ballett! Ein Ballett, das man sonst nur in großen Opernhäusern
sah. Die Darbietung erregte ihn
trotzdem. Er spürte, dass ihm die Hose schon wieder zu eng wurde. Er lehnte
sich zurück, öffnete seinen Gürtel und den Reißverschluss der Hose. Nun gab er
sich vollends der etwas außergewöhnlichen Vorstellung hin. Rachmaninow – er war
sicher dass es Rachmaninow war – ging seinem Höhepunkt entgegen. Er auch.
Die Musik setzte plötzlich aus. Er schaute wieder auf den Monitor. Sie warf
ihm noch eine Kusshand zu. Der Bildschirm wurde schwarz. Das Video war zu Ende.
Er atmete tief durch. Diese Frau brachte ihn noch an den Rand des Wahnsinns. Er
schloss seine Hose und ging ins Bad. Er sah noch immer (oder schon wieder) sehr
mitgenommen aus. Er ging zurück an seinen Schreibtisch und klappte den Laptop
zu. Ich muss sie unbedingt näher
kennenlernen, dachte er und ging ans Fenster um frische Luft zu schnappen.
Er freute sich auf das Treffen mit dem Fotografen. Ihm würde er diese ganze
teuflische Geschichte erzählen. Er hatte bestimmt einen guten Rat für ihn. Doch
bis zum Abend war es noch lange. Er überlegte was jetzt zu tun sei. Ich werde einen Roman schreiben sagte er
zu sich selbst. Ein Roman konnte für ihn den großen Durchbruch bedeuten. Er
wusste auch schon den Titel: DIE FRAU IM ROTEN MANTEL.
Er klappte den Laptop wieder auf, öffnete sein Textverarbeitungsprogramm und
erstellte eine neue Datei. Mit großen roten Lettern schrieb er den Titel auf
die erste Seite. Gut, der Anfang war gemacht. Doch zum Schreiben brauchte er
Ruhe und sehr viel Geduld. Diese beiden Eigenschaften fehlten ihm im Moment
völlig. Seine Gedanken schweiften ab. Er ging
in sein Email-Programm, um die Datei noch einmal zu öffnen. Er fand die
Datei aber nicht mehr. Hoffentlich habe
ich sie nicht gelöscht? Aber nein, das hätte er doch bemerkt. Sein Programm
hätte ihn ja auch darauf hingewiesen. Er fing an zu schwitzen. Wo war diese
verflixte Datei geblieben? Doch die Datei blieb verschwunden.
***
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