Der Alkohol war ein Teufelszeug. Er wusste dies.
Doch er ließ ihn auch vieles vergessen. Und vergessen war ihm gerade jetzt sehr
wichtig. Es war aber nur ein Vergessen auf kurze Zeit. Am nächsten Morgen waren
seine Gedanken wieder zurück. So auch an diesem Morgen.
Er wälzte sich aus dem Bett. Ging ins Bad. Sah
in den Spiegel; die Hände auf das Waschbecken gestützt. Es war wieder derselbe
versoffene Kerl, der ihm dort entgegenblickte. Schnell eine Handvoll kaltes
Wasser ins Gesicht. Aber besser wurde sein Spiegelbild dadurch nicht. Nach
einem ausgiebigen Duschbad fühlte er sich dann etwas besser. Jetzt noch einen
starken Kaffee und die Welt war wieder in Ordnung. Wenigstens ein bisschen.
Das Telefon klingelte. So früh am Morgen? Es war
gerade erst 8.00 Uhr! Vielleicht der Verlag, dachte er und nahm ab.
„Hallo altes Haus, wie geht es Dir? Rate doch mal war hier ist?“ Er brauchte
nicht zu raten; er kannte diese sonore Stimme sehr gut. Es war sein Fotograf,
mit dem er gut sechs Jahre in Moskau zusammengearbeitet hatte. Er freute sich.
Dies konnte auch der Gesprächspartner am anderen Ende spüren. „Hallo alter
Kumpel, was gibt‘s Neues? Bist Du noch in Moskau?“ „Nein ich bin hier. Gestern
zurückgekommen. Muss Dich unbedingt sehen“ sagte die sonore Stimme. „Gerne, ich
habe auch vieles zu erzählen. Wo treffen wir uns?“ erwiderte er. „Heute Abend.
21.00 Uhr. Bei mir im Hotel“ war die kurze Antwort. Noch ein paar kurze
Floskeln und das Gespräch war beendet.
Der Kaffee war kalt geworden. Kalten Kaffee
mochte er nicht. Er goss ihn in den Ausguss. Ging zu seinem Sideboard und goss
sich einen Scotch ein. Er kippte ihn in einem Zug hinunter. Toll, sein bester
Kumpel war wieder im Lande. Er blühte richtig auf. Ich werde ihm die ganze
Geschichte erzählen und mal sehen, was er dazu zu sagen hat.
Die Frau im roten Mantel. Vielleicht war sie
doch eine russische Spionin? Vielleicht kannte sie ihn von seinem
Russlandaufenthalt? Dass sie es auf ihn abgesehen hatte, da war er sich ganz
sicher.
Die Frau im roten Mantel. Dies klang verdammt
nach einem guten Buchtitel. Vielleicht sollte er einen Roman schreiben. Doch
dazu musste er sie besser kennenlernen. Er fasste den Entschluss, sich mit ihr
zu verabreden. Er musste sie näher kennenlernen, sich in sie verlieben – so tun
als ob versteht sich – und dann … Weiter wollte er jetzt nicht denken.
Er öffnete erst einmal seinen Laptop um seine
Mails zu checken. Es war nichts Besonderes. Auch nichts Wichtiges. Schnell
hatte er alles durchgesehen und gelöscht. Eine Mail aber konnte er sich nicht
erklären. Diesen Absender kannte er nicht. Der Absender war kein Name sondern
nur eine Aneinanderreihung von Buchstaben, Ziffern und Sonderzeichen. Die
Vorsicht ermahnte ihn, diese Mail nicht zu öffnen und schnell zu löschen. Die
Neugier aber trieb ihn dazu, gerade diese Mail zu öffnen. In der Mail selber
befand sich kein Text. Sie enthielt aber einen Anhang. Es wäre wohl besser die Finger davon zu
lassen dachte er bei sich. Doch seine Neugier sagte etwas anderes. Aber
dafür war er ja Reporter, da brauchte man eine gewisse Neugier.
Der Anhang enthielt ein Video. Er klicke auf
Start. Dann sah er sie. Sie sah aus wie immer. Der rote Mantel, die roten
hochhackigen Schuhe und die kleine rote Krokolerhandtasche. Ihre großen
schwarzen Augen sahen ihn an. Sie fuhr sich mit ihrer Zunge über ihre Lippen.
Ihm wurde schon bei diesem Anblick heiß und kalt. Doch es sollte noch besser
kommen.
***
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