Am Montag wiederholte sich das gleiche Spiel wie
jeden Montag. Sie ging die Treppe hinunter und er war – wie zufällig – vor der
Tür. Sie ging an ihm vorbei und nahm weder ihn noch ihre Umwelt wahr. Am
Dienstag das gleiche. Am Mittwoch auch.
Am Mittwoch ging er in den Verlag. Er ging gut
zwei Stunden später als sie aus dem Haus. Es war ein wunderschöner
Frühlingstag, daher machte er einen Umweg durch den Stadtpark. Vogelgezwitscher,
blühende Bäume und die warmen Sonnenstrahlen taten der Seele gut. Dann sah er
sie. Sie saß auf der Wiese und beobachtete die Enten auf dem Teich. Er stellte
sich die Frage, was hatte sie vorher gemacht? Wo war sie gewesen, seitdem sie
das Haus verlassen hatte?
Es war ein wunderschöner Anblick. Ihr roter Mantel, ihre langen seidenen schwarzen
Haare und das zarte Grün der Wiese. Ein prächtiges Gemälde. Ein Maler hätte es
nicht besser malen können. Eine wahre Farbharmonie. Er stellte sie sich ohne
Mantel vor. Ihren makellosen Alabasterkörper, der nur von ihren Haaren weich
umspielt wurde. Die Vorstellung fiel ihm leicht. Hatte er sie doch im Traum
schon nackt gesehen.
Sie saß nur da, reglos. Er setzte sich die Bank
und nahm eine Zeitung aus der Tasche. Durch ein kleines Guckloch konnte er sie
ungehindert beobachten. Er wäre kein guter Reporter, wenn er nicht alle Tricks
kennen würde. Doch nicht nur er beobachtete sie. Sie spürte genau, was hinter
ihrem Rücken geschah. Sie wusste – woher auch immer – dass er verrückt nach ihr
war. Und sie genoss dieses Katz- und Maus-Spiel.
Nichts geschah. Ihre kleine rote
Krokolederhandtasche stand links neben ihr im Gras. Er saß und beobachtete Sie;
zehn Minuten, zwanzig Minuten. Er schaute auf die Uhr. Einige Spaziergänger
gingen vorbei, Kinder auf Rollschuhen und Hundebesitzer.
Plötzlich stand sie auf. Nahm die kleine rote
Krokolederhandtasche in die linke Hand und ging zum Parkweg. Sie ging weiter Richtung Stadt in der
Hoffnung, dass er ihr folgte. Er wartete noch einen Augenblick und ging
ebenfalls weiter. Sie ging zum Bahnhof und nahm ein Taxi. Das Taxi war schnell
im Verkehrsgewühl verschwunden. Er konnte sich noch das Kennzeichen merken.
Rief mit dem Handy die Taxizentrale an und bekam dort von einer resoluten
Stimme zu hören: „Darüber darf ich Ihnen keine Auskunft geben!“ Und schon war
die Verbindung unterbrochen.
Er hatte noch einige Dinge zu erledigen. Dann
ging er in ein Bistro auf einen Espresso. Dort saß sie am Tresen. Sie schaute
ihn genau an, als er das Lokal betrat. Auch er schaute sie an. Erschrocken; er hatte
mit dieser Begegnung nicht gerechnet. Auch er setzte sich an den Tresen; auf
die andere Seite. Sie sah ihn an. Ihr Blick war sehr verführerisch. Sie nippte
an ihrem Glas und fuhr sich mit der Zunge langsam über die Lippen. Dabei
taxierte sie sein Verhalten ganz genau. Er war sehr fahrig. Sie brachte ihn
ganz aus dem Konzept. Sie bringt mich noch um den Verstand, dachte er
und versuchte in eine andere Richtung zu schauen.
Sie trug immer noch den roten Mantel. Ihre kleine rote
Krokolederhandtasche stand auf dem Tresen. Sein Blick ging wieder in ihre
Richtung. Sie sah ihn immer noch an. Ihre schwarzen Augen schienen ihn
durchbohren zu wollen. Ihm wurde heiß. Er lockerte seine Krawatte. Sie
registrierte all‘ dies mit lustvoller Genugtuung. Was treibt sie für ein Spiel mit mir? Fragte er sich und bestellte
einen Scotch. Er kippte ihn auf einmal hinunter. Noch einen bitte, hörte er sich sagen. Ihm wurde noch heißer. Er
fuhr sich durchs Haar. Als er sie abermals ansah formte ihr roter Mund einen
Kuss. Sie legte den roten Mantel ab. Darunter trug sie – er konnte es kaum
erwarten - eine rote Bluse mit vielen Knöpfen. Er hatte etwas anderes erwartet.
Sie knöpfte die oberen Knöpfe auf und er sah ihren zarten Brustansatz. Dann
fuhr sie mit der linken Hand an ihrem Brustbein hinunter, genau zwischen ihre
Brüste. Er rutsche auf dem Barhocker hin und her. Ihm wurde noch heißer. Zwei
Scotch und ihr frivoles Spiel, das war zu viel für ihn. Er ging zur Toilette.
Im Spiegel sah er einen sehr verwahrlosten Mann. Er kühlte sein
Gesicht und kämmte sich ordentlich die Haare. Als er sich etwas beruhigt hatte,
ging er in den Gastraum zurück. Sie war nicht mehr da. Er war heilfroh, zahlte
und ging.
Der Rest des Tages verlief für ihn ohne besondere
Vorkommnisse. Doch – wie heißt es so schön – man soll den Tag nicht vor dem
Abend loben.
***
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