Oktober 07, 2012

Sie + Er - 03


Am Montag wiederholte sich das gleiche Spiel wie jeden Montag. Sie ging die Treppe hinunter und er war – wie zufällig – vor der Tür. Sie ging an ihm vorbei und nahm weder ihn noch ihre Umwelt wahr. Am Dienstag das gleiche. Am Mittwoch auch.

Am Mittwoch ging er in den Verlag. Er ging gut zwei Stunden später als sie aus dem Haus. Es war ein wunderschöner Frühlingstag, daher machte er einen Umweg durch den Stadtpark. Vogelgezwitscher, blühende Bäume und die warmen Sonnenstrahlen taten der Seele gut. Dann sah er sie. Sie saß auf der Wiese und beobachtete die Enten auf dem Teich. Er stellte sich die Frage, was hatte sie vorher gemacht? Wo war sie gewesen, seitdem sie das Haus verlassen hatte?

Es war ein wunderschöner Anblick.  Ihr roter Mantel, ihre langen seidenen schwarzen Haare und das zarte Grün der Wiese. Ein prächtiges Gemälde. Ein Maler hätte es nicht besser malen können. Eine wahre Farbharmonie. Er stellte sie sich ohne Mantel vor. Ihren makellosen Alabasterkörper, der nur von ihren Haaren weich umspielt wurde. Die Vorstellung fiel ihm leicht. Hatte er sie doch im Traum schon nackt gesehen.

Sie saß nur da, reglos. Er setzte sich die Bank und nahm eine Zeitung aus der Tasche. Durch ein kleines Guckloch konnte er sie ungehindert beobachten. Er wäre kein guter Reporter, wenn er nicht alle Tricks kennen würde. Doch nicht nur er beobachtete sie. Sie spürte genau, was hinter ihrem Rücken geschah. Sie wusste – woher auch immer – dass er verrückt nach ihr war. Und sie genoss dieses Katz- und Maus-Spiel.

Nichts geschah. Ihre kleine rote Krokolederhandtasche stand links neben ihr im Gras. Er saß und beobachtete Sie; zehn Minuten, zwanzig Minuten. Er schaute auf die Uhr. Einige Spaziergänger gingen vorbei, Kinder auf Rollschuhen und Hundebesitzer.

Plötzlich stand sie auf. Nahm die kleine rote Krokolederhandtasche in die linke Hand und ging zum Parkweg.  Sie ging weiter Richtung Stadt in der Hoffnung, dass er ihr folgte. Er wartete noch einen Augenblick und ging ebenfalls weiter. Sie ging zum Bahnhof und nahm ein Taxi. Das Taxi war schnell im Verkehrsgewühl verschwunden. Er konnte sich noch das Kennzeichen merken. Rief mit dem Handy die Taxizentrale an und bekam dort von einer resoluten Stimme zu hören: „Darüber darf ich Ihnen keine Auskunft geben!“ Und schon war die Verbindung unterbrochen.

Er hatte noch einige Dinge zu erledigen. Dann ging er in ein Bistro auf einen Espresso. Dort saß sie am Tresen. Sie schaute ihn genau an, als er das Lokal betrat. Auch er schaute sie an. Erschrocken; er hatte mit dieser Begegnung nicht gerechnet. Auch er setzte sich an den Tresen; auf die andere Seite. Sie sah ihn an. Ihr Blick war sehr verführerisch. Sie nippte an ihrem Glas und fuhr sich mit der Zunge langsam über die Lippen. Dabei taxierte sie sein Verhalten ganz genau. Er war sehr fahrig. Sie brachte ihn ganz aus dem Konzept. Sie bringt mich noch um den Verstand, dachte er und versuchte in eine andere Richtung zu schauen.

Sie trug immer noch den roten Mantel. Ihre kleine rote Krokolederhandtasche stand auf dem Tresen. Sein Blick ging wieder in ihre Richtung. Sie sah ihn immer noch an. Ihre schwarzen Augen schienen ihn durchbohren zu wollen. Ihm wurde heiß. Er lockerte seine Krawatte. Sie registrierte all‘ dies mit lustvoller Genugtuung. Was treibt sie für ein Spiel mit mir? Fragte er sich und bestellte einen Scotch. Er kippte ihn auf einmal hinunter. Noch einen bitte, hörte er sich sagen. Ihm wurde noch heißer. Er fuhr sich durchs Haar. Als er sie abermals ansah formte ihr roter Mund einen Kuss. Sie legte den roten Mantel ab. Darunter trug sie – er konnte es kaum erwarten - eine rote Bluse mit vielen Knöpfen. Er hatte etwas anderes erwartet. Sie knöpfte die oberen Knöpfe auf und er sah ihren zarten Brustansatz. Dann fuhr sie mit der linken Hand an ihrem Brustbein hinunter, genau zwischen ihre Brüste. Er rutsche auf dem Barhocker hin und her. Ihm wurde noch heißer. Zwei Scotch und ihr frivoles Spiel, das war zu viel für ihn. Er ging zur Toilette. Im Spiegel sah er einen sehr verwahrlosten Mann. Er kühlte sein Gesicht und kämmte sich ordentlich die Haare. Als er sich etwas beruhigt hatte, ging er in den Gastraum zurück. Sie war nicht mehr da. Er war heilfroh, zahlte und ging.

Der Rest des Tages verlief für ihn ohne besondere Vorkommnisse. Doch – wie heißt es so schön – man soll den Tag nicht vor dem Abend loben.
***

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