Doch es gab noch ein Rätsel, das er sich nicht
erklären konnte. Sie wohnte genau über ihm. Er hatte allerdings aus dieser
Wohnung niemals ein Geräusch vernommen. Er hörte keine Toilettenspülung. Er
hörte überhaupt niemals ein Geräusch. Er hörte weder ein Fernsehgerät noch ein
Radio. Auch Schritte hatte er noch niemals wahrgenommen. Kein Türenschlagen,
kein sich öffnendes oder schließendes Fenster. Keine Unterhaltungen, kein
Hundegebell oder sonstige Geräusche, die auf eine bewohnte Wohnung schließen
ließen. Alles sehr seltsam. Der Gedanke, diese Frau könne nur in seinem Kopf
existieren, verängstigte ihn sehr. War er verrückt? Oder sollte er systematisch
verrückt gemacht werden? Er hatte von solchen Dingen schon gehört. Er ahnte,
dass hier ein Spiel gespielt wurde deren Hauptakteur er war. Er kannte aber
leider nicht das Drehbuch.
Mittlerweile war es dunkel geworden. Er hatte
heute so gut wie nichts gegessen. Er beschloss sich eine Pizza zu bestellen.
Griff zum Telefon; just in diesem Moment klingelte es an der Tür. Er blieb
sitzen. Es drängte ihn niemand sofort die Tür zu öffnen. Es klingelte abermals.
Er ahnte schon, wer da draußen stehen würde.
Er öffnete langsam die Tür. Sehr zaghaft und
vorsichtig; nur einen kleinen Spalt. Da stand sie. Er machte die Tür ganz auf.
Sie trug – wie sollte es auch anders sein – den roten Mantel und die roten
Schuhe. Mit großen Augen sah sie ihn an. Doch da war noch etwas. In Brusthöhe
hielt sie eine kleine runde Schale aus Porzellan oder Keramik. In rot
natürlich. Mit leiser Stimme sagte sie – fast flüsternd: „Entschuldigen Sie.
Haben Sie bitte zwei Eier für mich?“. Zwei Eier dachte er, wozu
braucht sie zwei Eier? Er hatte sich aber schnell gefangen und sagte nur:
„Ich muss nachschauen. Bitte kommen Sie doch herein!“ Das Wort Eier hatte sie
etwas zu sehr betont. Oder bildete er sich das auch wieder nur ein?
Sie gingen in die Küche. Sie ging voraus. Sie
kannte den Weg. Er war erst verdutzt, doch schnell war im klar, dass sie ja –
angeblich – genau über ihm wohnte. Also war ihre Küche dort, wo auch seine sich
befand. Er ging zum Kühlschrank. „Sie haben Glück. Ich habe gerade noch zwei
Eier.“ Er nahm sie und legte sie in ihre kleine rote Schale. „Möchten Sie etwas
trinken? Einen Saft vielleicht?“ Er ging abermals zum Kühlschrank und holte
eine Packung O-Saft. Sie antworte: „Wenn Sie einen Tomatensaft hätten?“ „Nein“
erwiderte er „Leider nicht. Ich habe eine Allergie und darf keine Tomaten zu
mir nehmen!“ Er goss ihr ein Glas O-Saft ein und gab es ihr. Sie stellte die
kleine Schüssel auf den Tisch und nahm das Glas entgegen. „Danke“ hauchte sie
nur. Tomatensaft war auch rot schoss es ihm durch den Kopf. Sie mochte scheinbar
alles was rot ist.
Er wollte etwas Konversation betreiben und
fragte: „Wollen Sie einen Kuchen backen?“ Ihre Antwort war kurz und knapp: „Vieleicht!“
Sie Trank das Glas Saft langsam und mit viel Genuss. Dabei sah sie ihn mit
ihren großen schwarzen Augen an. Was für lange seidige Wimpern sie hat
dachte er nur. Man konnte wie in einem See darin versinken. Sie genoss seinen
Blick. Sie sah ihn an, als könne sie seine Gedanken lesen.
Das leere Glas stellte sie auf den Tisch, nahm
die kleine Schüssel mit den zwei Eiern und ging zur Tür. Er beeile sich vor ihr
an der Tür zu sein um sie zu öffnen. Sie ging einfach weiter. Sie ging die
Treppe nach oben wie immer. Er rief ihr
nach: „Viel Erfolgt beim Backen!“ Doch sie hörte es nicht. Oder wollte sie es
nicht hören? Ihre roten Schuhe klapperten wie immer auf der alten
Holzdielentreppe. Tack, tack, tack. Dieses Geräusch machte ihn nervös. Er
spürte wieder wie zerfahren er war. Ihr kurzer Besuch hatte ihn wieder einmal
völlig kopfscheu gemacht.
Er ging hinein. Schloss die Tür hinter sich und
atmete tief durch. Was passiert da mit mir? Was um alles in der Welt passiert
hier? Er konnte keine Erklärung finden. Und wieder stand ihm eine unruhige
Nacht bevor.
***
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