Oktober 10, 2012

Sie + Er - 04


Doch es gab noch ein Rätsel, das er sich nicht erklären konnte. Sie wohnte genau über ihm. Er hatte allerdings aus dieser Wohnung niemals ein Geräusch vernommen. Er hörte keine Toilettenspülung. Er hörte überhaupt niemals ein Geräusch. Er hörte weder ein Fernsehgerät noch ein Radio. Auch Schritte hatte er noch niemals wahrgenommen. Kein Türenschlagen, kein sich öffnendes oder schließendes Fenster. Keine Unterhaltungen, kein Hundegebell oder sonstige Geräusche, die auf eine bewohnte Wohnung schließen ließen. Alles sehr seltsam. Der Gedanke, diese Frau könne nur in seinem Kopf existieren, verängstigte ihn sehr. War er verrückt? Oder sollte er systematisch verrückt gemacht werden? Er hatte von solchen Dingen schon gehört. Er ahnte, dass hier ein Spiel gespielt wurde deren Hauptakteur er war. Er kannte aber leider nicht das Drehbuch.

Mittlerweile war es dunkel geworden. Er hatte heute so gut wie nichts gegessen. Er beschloss sich eine Pizza zu bestellen. Griff zum Telefon; just in diesem Moment klingelte es an der Tür. Er blieb sitzen. Es drängte ihn niemand sofort die Tür zu öffnen. Es klingelte abermals. Er ahnte schon, wer da draußen stehen würde.

Er öffnete langsam die Tür. Sehr zaghaft und vorsichtig; nur einen kleinen Spalt. Da stand sie. Er machte die Tür ganz auf. Sie trug – wie sollte es auch anders sein – den roten Mantel und die roten Schuhe. Mit großen Augen sah sie ihn an. Doch da war noch etwas. In Brusthöhe hielt sie eine kleine runde Schale aus Porzellan oder Keramik. In rot natürlich. Mit leiser Stimme sagte sie – fast flüsternd: „Entschuldigen Sie. Haben Sie bitte zwei Eier für mich?“. Zwei Eier dachte er, wozu braucht sie zwei Eier? Er hatte sich aber schnell gefangen und sagte nur: „Ich muss nachschauen. Bitte kommen Sie doch herein!“ Das Wort Eier hatte sie etwas zu sehr betont. Oder bildete er sich das auch wieder nur ein?

Sie gingen in die Küche. Sie ging voraus. Sie kannte den Weg. Er war erst verdutzt, doch schnell war im klar, dass sie ja – angeblich – genau über ihm wohnte. Also war ihre Küche dort, wo auch seine sich befand. Er ging zum Kühlschrank. „Sie haben Glück. Ich habe gerade noch zwei Eier.“ Er nahm sie und legte sie in ihre kleine rote Schale. „Möchten Sie etwas trinken? Einen Saft vielleicht?“ Er ging abermals zum Kühlschrank und holte eine Packung O-Saft. Sie antworte: „Wenn Sie einen Tomatensaft hätten?“ „Nein“ erwiderte er „Leider nicht. Ich habe eine Allergie und darf keine Tomaten zu mir nehmen!“ Er goss ihr ein Glas O-Saft ein und gab es ihr. Sie stellte die kleine Schüssel auf den Tisch und nahm das Glas entgegen. „Danke“ hauchte sie nur. Tomatensaft war auch rot schoss es ihm durch den Kopf. Sie mochte scheinbar alles was rot ist.

Er wollte etwas Konversation betreiben und fragte: „Wollen Sie einen Kuchen backen?“ Ihre Antwort war kurz und knapp: „Vieleicht!“ Sie Trank das Glas Saft langsam und mit viel Genuss. Dabei sah sie ihn mit ihren großen schwarzen Augen an. Was für lange seidige Wimpern sie hat dachte er nur. Man konnte wie in einem See darin versinken. Sie genoss seinen Blick. Sie sah ihn an, als könne sie seine Gedanken lesen.

Das leere Glas stellte sie auf den Tisch, nahm die kleine Schüssel mit den zwei Eiern und ging zur Tür. Er beeile sich vor ihr an der Tür zu sein um sie zu öffnen. Sie ging einfach weiter. Sie ging die Treppe nach oben wie immer.  Er rief ihr nach: „Viel Erfolgt beim Backen!“ Doch sie hörte es nicht. Oder wollte sie es nicht hören? Ihre roten Schuhe klapperten wie immer auf der alten Holzdielentreppe. Tack, tack, tack. Dieses Geräusch machte ihn nervös. Er spürte wieder wie zerfahren er war. Ihr kurzer Besuch hatte ihn wieder einmal völlig kopfscheu gemacht.

Er ging hinein. Schloss die Tür hinter sich und atmete tief durch. Was passiert da mit mir? Was um alles in der Welt passiert hier? Er konnte keine Erklärung finden. Und wieder stand ihm eine unruhige Nacht bevor.

***

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen