Oktober 12, 2012

Sie + Er - 10



Er fühlte sich nach diesem Abend etwas besser. Er hatte jetzt einen Verbündeten. In dieser Nacht schlief er wieder tief und fest. Traumlos. Kein Alptraum störte seinen erholsamen Schlaf. Im Unterbewusstsein hörte er mehrmals Klingelzeichen. Er brauchte lange bis er begriff, dass es sich um die Klingel seiner Wohnungstür handelte. Träge stand er auf und rief: „Komme“ – „Komme schon!“ Das Klingeln verstummte. Er ging – nur mit Boxershorts bekleidet – zur Tür. Er öffnete sie einen Spalt und versteckte sich halb dahinter. Und da stand sie. Oh, was für ein wunderbarer Anblick. Sie lächelte. Sie lächelte so schön wie Mona Lisa. Sie war Mona Lisa.

Ihr Lächeln war geheimnisvoll und auch ein bisschen hintergründig. Gar zu gerne wüsste er, was sich dahinter verbarg. Was ging in diesem ach so bezaubernden Köpfchen vor. Und dann ihre Augen – diese großen schwarzen Kulleraugen – sie waren wie ein tiefer See. Am liebsten würde er sich hineinstürzen, bis zum Grund tauchen und ihr eine wunderbare Blume pflücken, die nur dort in völliger Dunkelheit erblüht. Ach, ihre kleine bezaubernde leicht spitz zulaufende Stupsnase. Wie gerne würde er einen zarten Kuss darauf drücken. Von ihrem Mund gar nicht erst zu reden. Sie öffnete leicht die kirschroten Lippen. Ebenmäßige Herzchen Form.

Ihm stand der Schweiß auf der Stirn. Sie machte ihn schon wieder verrückt. Sie bewegte ihren Mund und sage: „Guten Morgen.“ Er hatte sich schnell wieder gefangen und lächelte zurück: „Guten Morgen.“ Er machte die Tür ganz auf. Sie bekam fast einen Lachanfall. Er stand etwas lächerlich da in seinen Boxershorts und auch noch barfuß. Er sah an sich hinunter und musste ebenfalls lachen. „Ich habe sie wohl aus dem Bett geklingelt“ sagte sie sehr verführerisch „das tut mir leid“. Entschuldigend erwiderte er:“ Kommen Sie doch bitte herein. Ich ziehe mir schnell etwas über“.

Sie visitierte in regelrecht. Das was sie sah gefiel ihr. Er hatte einen gut trainierten Körper. Sicher ging er regelmäßig ins Fitnessstudio. Er hatte gut gestählte Oberarme und ein Sixpack. Nein, er war kein Abbild eines österreichischen Schauspielers und Gouverneurs. Eher ein Adonis. Seine Hose – es schien eine Unter- oder Pyjamahose zu sein – saß perfekt. Es war keine von diesen schlabberigen Dingern wo Mann nicht weiß, soll ich links oder rechts oder mal so und so. Es ist eine Unterhose resümierte sie. Und alles passte rein, was hineinzupassen hatte! Er beobachte sie genau. Ihr Blick wanderte über seine Vorderseite. Und ihr Blick blieb genau dort haften, wo er es auch vermutete. Langsam ging er Richtung Schlafzimmer. Hoffentlich gefalle ich ihr von hinten auch so gut wie von vorne dachte er. Er machte noch einige kreisende Bewegungen mit seinen Schulterblättern und schloss die Tür hinter sich.

Als er zurückkam trug er eine hautenge Five-Pocket-Jeans und ein rotes Trägershirt. Sie begutachtete ihn mit Wohlwollen. Besonderes Interesse zeigte sie den krausen Haarwuscheln, die aus dem Shirt leicht hervorquollen. Er hatte nicht zu viele Haare auf der Brust. Viele Brusthaare mochte sie nicht.

Auch er war angenehm überrascht. Sie hatte ihren roten Mantel ausgezogen und über die Stuhllehne gelegt. Sie trug ein bezauberndes Sommerkleid. Natürlich rot, was auch sonst. Allerdings mit unzähligen kleinen weißen Pünktchen. Im Geiste fing er an die Pünktchen zu zählen. Sie beobachte ihn wiederum sehr genau und drehte sich um. Ihre Rückseite gefiel ihm noch besser. War das Kleid vorne auch hochgeschlossen, so ließ es hinten eine perfekte Rückenpartie frei. Ein V-Ausschnitt bis hin zur Taille. Sie drehte ihm wieder die Vorderfront zu und fragte: „Na, gefalle ich Ihnen?“. Er: „Sehr!“

Nachdem er im Kühlschrank noch eine Flasche Prosecco gefunden hatte, unterhielten sich beide recht angeregt. Der Alkohol lockerte ihre Zungen. Sie lachten und scherzten, so als wären sie schon seit vielen Jahren gute Freunde. Aber auch dies gehörte wohl zu ihrem Plan. War ihr Handeln wohl überlegt oder reiner Zufall? Er versuchte nicht allzu vertraut zu wirken, was ihm allerdings schwer gelang. Sie verstand es perfekt, ihn zu irritieren und sein Misstrauen zu verscheuchen. Warum sie an diesem Morgen bei ihm klingelte, erfuhr er allerdings nicht. Er wollte sie auch nicht danach fragen.

Die Flasche war irgendwann leer. Eine zweite hatte er nicht in Reserve. So landeten sie dann beide wieder auf dem realen Boden.

Sie stand auf, nahm ihren Mantel und ging langsam zur Tür. Er überholte sie schnell und wartete auf sie. Sie sah ihn erstaunt an. Er: „Ich möchte sie gerne wiedersehen. Darf ich Sie am Sonntag auf ein Picknick einladen? Hier gleich am See! Sie kennen doch sicher unseren kleinen Stadtpark mit dem Badesee?“ Sie: „Nein. Dort war ich noch nie. Aber ich komme gerne.“ Er in seinen Gedanken: Seltsam ich habe sie doch dort gesehen? Er fand dies auch wieder sehr rätselhaft. Er: „Klingeln sie am Sonntagmorgen so gegen 10.00Uhr einfach bei mir. Ich sorge für das leibliche Wohl. Und vergessen sie ihren Badeanzug nicht. Haben Sie vielleicht etwas in rot?“ Sie: „Vielleicht!“ Dabei sah sie ihn wieder so verführerisch an, dass ihm das Atmen schwer fiel.

Als sie gegangen war ging er zurück ins Wohnzimmer. Er setzte sich hin und versuchte das eben erlebte zu verarbeiten. Aber immer wieder stellten sich Fragen auf die es keine Antworten gab. Diese Frau war nicht nur geheimnisvoll. Sie war auch sehr wandelbar. Vielleicht war sie eine Schauspielerin, denn sie verstand es überaus gekonnt in die verschiedensten Rollen zu schlüpfen. Vielleicht war sie erst eine Schauspielschülerin, die ihn als Testobjekt auserkoren hatte. Er wurde aus ihr einfach nicht schlau. Aber bis Sonntag waren es noch einige Tage, dann würde er der Sache schon etwas näher kommen.
***

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen