Er fühlte sich nach diesem Abend etwas besser.
Er hatte jetzt einen Verbündeten. In dieser Nacht schlief er wieder tief und
fest. Traumlos. Kein Alptraum störte seinen erholsamen Schlaf. Im
Unterbewusstsein hörte er mehrmals Klingelzeichen. Er brauchte lange bis er
begriff, dass es sich um die Klingel seiner Wohnungstür handelte. Träge stand
er auf und rief: „Komme“ – „Komme schon!“ Das Klingeln verstummte. Er ging –
nur mit Boxershorts bekleidet – zur Tür. Er öffnete sie einen Spalt und
versteckte sich halb dahinter. Und da stand sie. Oh, was für ein wunderbarer
Anblick. Sie lächelte. Sie lächelte so schön wie Mona Lisa. Sie war Mona Lisa.
Ihr Lächeln war geheimnisvoll und auch ein
bisschen hintergründig. Gar zu gerne wüsste er, was sich dahinter verbarg. Was
ging in diesem ach so bezaubernden Köpfchen vor. Und dann ihre Augen – diese
großen schwarzen Kulleraugen – sie waren wie ein tiefer See. Am liebsten würde
er sich hineinstürzen, bis zum Grund tauchen und ihr eine wunderbare Blume
pflücken, die nur dort in völliger Dunkelheit erblüht. Ach, ihre kleine
bezaubernde leicht spitz zulaufende Stupsnase. Wie gerne würde er einen zarten
Kuss darauf drücken. Von ihrem Mund gar nicht erst zu reden. Sie öffnete leicht
die kirschroten Lippen. Ebenmäßige Herzchen Form.
Ihm stand der Schweiß auf der Stirn. Sie machte
ihn schon wieder verrückt. Sie bewegte ihren Mund und sage: „Guten Morgen.“ Er
hatte sich schnell wieder gefangen und lächelte zurück: „Guten Morgen.“ Er
machte die Tür ganz auf. Sie bekam fast einen Lachanfall. Er stand etwas
lächerlich da in seinen Boxershorts und auch noch barfuß. Er sah an sich
hinunter und musste ebenfalls lachen. „Ich habe sie wohl aus dem Bett
geklingelt“ sagte sie sehr verführerisch „das tut mir leid“. Entschuldigend
erwiderte er:“ Kommen Sie doch bitte herein. Ich ziehe mir schnell etwas über“.
Sie visitierte in regelrecht. Das was sie sah
gefiel ihr. Er hatte einen gut trainierten Körper. Sicher ging er regelmäßig
ins Fitnessstudio. Er hatte gut gestählte Oberarme und ein Sixpack. Nein, er
war kein Abbild eines österreichischen Schauspielers und Gouverneurs. Eher ein
Adonis. Seine Hose – es schien eine Unter- oder Pyjamahose zu sein – saß
perfekt. Es war keine von diesen schlabberigen Dingern wo Mann nicht
weiß, soll ich links oder rechts oder mal so und so. Es ist eine Unterhose
resümierte sie. Und alles passte rein, was hineinzupassen hatte! Er beobachte
sie genau. Ihr Blick wanderte über seine Vorderseite. Und ihr Blick blieb genau
dort haften, wo er es auch vermutete. Langsam ging er Richtung Schlafzimmer. Hoffentlich
gefalle ich ihr von hinten auch so gut wie von vorne dachte er. Er machte
noch einige kreisende Bewegungen mit seinen Schulterblättern und schloss die
Tür hinter sich.
Als er zurückkam trug er eine hautenge
Five-Pocket-Jeans und ein rotes Trägershirt. Sie begutachtete ihn mit
Wohlwollen. Besonderes Interesse zeigte sie den krausen Haarwuscheln, die aus
dem Shirt leicht hervorquollen. Er hatte nicht zu viele Haare auf der Brust. Viele
Brusthaare mochte sie nicht.
Auch er war angenehm überrascht. Sie hatte ihren
roten Mantel ausgezogen und über die Stuhllehne gelegt. Sie trug ein
bezauberndes Sommerkleid. Natürlich rot, was auch sonst. Allerdings mit
unzähligen kleinen weißen Pünktchen. Im Geiste fing er an die Pünktchen zu
zählen. Sie beobachte ihn wiederum sehr genau und drehte sich um. Ihre
Rückseite gefiel ihm noch besser. War das Kleid vorne auch hochgeschlossen, so
ließ es hinten eine perfekte Rückenpartie frei. Ein V-Ausschnitt bis hin zur
Taille. Sie drehte ihm wieder die Vorderfront zu und fragte: „Na, gefalle ich
Ihnen?“. Er: „Sehr!“
Nachdem er im Kühlschrank noch eine Flasche
Prosecco gefunden hatte, unterhielten sich beide recht angeregt. Der Alkohol
lockerte ihre Zungen. Sie lachten und scherzten, so als wären sie schon seit
vielen Jahren gute Freunde. Aber auch dies gehörte wohl zu ihrem Plan. War ihr
Handeln wohl überlegt oder reiner Zufall? Er versuchte nicht allzu vertraut zu
wirken, was ihm allerdings schwer gelang. Sie verstand es perfekt, ihn zu
irritieren und sein Misstrauen zu verscheuchen. Warum sie an diesem Morgen bei
ihm klingelte, erfuhr er allerdings nicht. Er wollte sie auch nicht danach
fragen.
Die Flasche war irgendwann leer. Eine zweite
hatte er nicht in Reserve. So landeten sie dann beide wieder auf dem realen
Boden.
Sie stand auf, nahm ihren Mantel und ging
langsam zur Tür. Er überholte sie schnell und wartete auf sie. Sie sah ihn
erstaunt an. Er: „Ich möchte sie gerne wiedersehen. Darf ich Sie am Sonntag auf
ein Picknick einladen? Hier gleich am See! Sie kennen doch sicher unseren
kleinen Stadtpark mit dem Badesee?“ Sie: „Nein. Dort war ich noch nie. Aber ich
komme gerne.“ Er in seinen Gedanken: Seltsam ich habe sie doch dort gesehen?
Er fand dies auch wieder sehr rätselhaft. Er: „Klingeln sie am Sonntagmorgen so
gegen 10.00Uhr einfach bei mir. Ich sorge für das leibliche Wohl. Und vergessen
sie ihren Badeanzug nicht. Haben Sie vielleicht etwas in rot?“ Sie:
„Vielleicht!“ Dabei sah sie ihn wieder so verführerisch an, dass ihm das Atmen
schwer fiel.
Als sie gegangen war ging er zurück ins
Wohnzimmer. Er setzte sich hin und versuchte das eben erlebte zu verarbeiten.
Aber immer wieder stellten sich Fragen auf die es keine Antworten gab. Diese
Frau war nicht nur geheimnisvoll. Sie war auch sehr wandelbar. Vielleicht war
sie eine Schauspielerin, denn sie verstand es überaus gekonnt in die
verschiedensten Rollen zu schlüpfen. Vielleicht war sie erst eine
Schauspielschülerin, die ihn als Testobjekt auserkoren hatte. Er wurde aus ihr
einfach nicht schlau. Aber bis Sonntag waren es noch einige Tage, dann würde er
der Sache schon etwas näher kommen.
***
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